Das ist kein Problem, wenn man nach einiger Zeit weiss, was eine bestimmte Strecke grundsaetzlich kostet. Dazu kommen noch weitere weiche Faktoren. Wenn man nett mit dem Fahrer plaudert, oder einfach nur so zaeh verhandelt, dass es ihm ein anerkennendes Kopfwackeln abnoetigt, geht er im Preis vielleicht noch einmal 10 Rupien runter. Ansonsten entwickelt sich sich der Preis streng an der individuellen Nachfrage. Wenn man einen Koffer dabei hat, wird es teurer, denn der Fahrer weiss, dass man ihn (den Koffer) nicht tragen will oder kann. Nachts ist es teurer, im Berufsverkehr ist es teuer, wenn man weiss ist, ist es teurer, wenn er keine Lust hat, ist es teurer, wenn man zum Wineshop faehrt, also in seinen Augen ein reicher Saeufer ist (im Gegensatz zu ihm, er ist armer Alkoholiker), wird es teurer, wenn man zum Nachtclub faehrt, fuer ihn also unsaegliche unzuechtige faszinierende Schweinereien vorhat, bei denen vielleicht sogar Frauen anwesend sind, wird es teurer, es wird eigentlich immer teurer. Billiger wird es ....nie.
In Bangalore handeln die Fahrer entweder auch einen Preis aus, oder sie benutzen das Taxameter und fordern im Vorfeld einen Aufschlag. Dann koennen Sie sich regelmaessig aber nicht mehr an die kuerzeste Strecke erinnern, fahren mit Dir ans andere Ende der Stadt, wo Ihr Cousin wohnt, den man nach dem Weg fragen kann. Der weiss es auch nicht.
Sowieso ist es schwierig,
einen Mann von und auf der Strasse nach dem Weg zu fragen.
Er ist schlicht nicht im Stande, Dir zu sagen, dass er den Weg nicht kennt. Er wackelt also ein paarmal bedeutsam mit dem Kopf, und schildert Dir dann ungefaehr den Weg nach irgendwo. Wenn Du nochmal nachhakst, wird er Dir einen anderen Weg beschreiben. Erstens moechte er gerne helfen (schick in die Wueste!), zweitens ist es ihm peinlich, seine Unkenntnis zu offenbaren und drittens macht es ihm Spass, sich mit Dir zu unterhalten. Als alter Inder kann ich aber anhand der Art des Kopfwackelns, sowie an der Art, wie er beschreibt, ziemlich sicher sagen, ob an seiner Wegbeschreibung etwas dran ist oder nicht.
Aehnlich verhaelt es sich auch mit den Rikshafahrern. Wenn man sie vor Fahrtantritt fragt, ob sie den Weg kennen, ob sie wissen, wo z.B. die Koramangala Road ist, wackeln sie mit dem Kopf. Das kann heissen "Klar! Spring rein!", aber auch "Ich glaube, mein Cousin kennt einen, der diesen Namen schon mal gehoert hat!". Jedenfalls muss man sich seiner Ortskenntnis versichern, und ihn notfalls wegschicken, denn wo immer er auch hinfaehrt, er will am Ende Geld. Wenn das Ziel auch nicht erreicht wurde, war die Fahrt doch schoen! Ausserdem ist er soo lange gefahren, und der Verkehr war soo anstrengend, dass er dafuer doch auch was verdient hat. Und zwar so viel, wie die Fahrt zum Ziel kostet, und keine Rupie weniger! Trinkgeld waere nett. Da hab ich mich schon mit Manchen ernsthaft streiten muessen. Ts-ts!
Aber Ihr seid doch bestimmt gespannt auf die fiese Rache der Oma Huehnchen oder warum das Empire fuer mich gestorben ist, oder?
Nun. Am Abend meines ersten Arbeitstages bekam ich ein kleines Huengerchen.
Da ich das Glueck habe, sehr zentral zu wohnen, und gute Restaurants/Kneipen/Bars/Nightclubs/Opiumhoehlen zu Fuss zu erreichen sind, war es ein kurzer Weg bis zur Church Street. Mit dem aus Chennai und Mumbai alias Madras und Bombay geschulten Auge suchte und fand ich ein Restaurant, dass einen sehr guten und saueberen Eindruck auf mich machte. Die hatten sogar draussen einen Drehspiessgrill, an dem knusprigen Grillhuehnchen schwindlig wurde. Drinnen suchte ich mir einen Tisch, und schaute mir die Leute an. Als der Kellner schliesslich ankatzbuckelte, bestellte ich ein halbes Huehnchen vom Grill samt eines Glases Fresh Lime Soda, vergleichbar einer selbstgemachten Limonade.
Ich dachte ein bisschen nach, und fand, dass es fuer einen glaeubigen Hindu, der an Reinkarnation in jedweder Lebensform glaubt oder einen Jain (Ihr erinnert Euch) schon ein krasser Anblick sein muss, wenn er an solch einem Vogelkrematorium vorbeigeht. Ob mein Huehnchen jetzt jemandes Oma war oder nicht, ist eine Glaubensfrage. Dies focht mich jedoch nicht weiter an und ich langte tuechtig zu.
“Mag mir Gott auch boese sein, der Hunger treibt die Oma rein!”
Na gut. Die halbe Oma. Halb so schlimm. Obwohl...arme Oma.
Doch wenn das Huehnchen auch zart war, erwies sich die alte Dame doch als umso zaeher. Etwa eine Stunde nachdem ich nach Hause gegangen war, fing es in meinem Bauch an zu rumoren. Das tat richtig weh, alle 5 Minuten eine Krampfphase. Auch wenn es keinen Brechreiz und den entsprechenden Antagonisten gab -dem Herrgott sei’s gedankt, getrommelt und gepfiffen- fuehlte ich mich doch so mies wie seit meiner Kinderzeit nicht mehr. Nicht das meine Kindheit mies gewesen waere. Ganz im Gegenteil. Sonne, Saft und Samba! Aber solche Krankheiten hatte ich ab einem bestimmten Alter nicht mehr.
Vom Schmerz gezeichnet und nicht ganz bei mir, ueberlegte ich, ob ich das naechste Mal, wenn mir eine Schwangere berichtet, wie sehr der Kleine doch strampelt und tritt, ich ihr nicht mit Schaum vor dem Mund antworten sollte:
” Alter, ich hab mal ne Oma gefressen, weisst Du wie die auskeilt?!”
Ich beschloss, mir dies zu ersparen wuerde es mich doch nicht nur meine Reputation kosten, sondern auch einen laengeren Aufenthalt in einem Sanatorium ohne Tueren bescheren. Ausserdem soll mein keine fiesen Witze ueber und mit schwangeren Frauen machen, sondern respektvoll und nett zu Ihnen sein.
Nach einer weitestgehend schlaflosen Nacht fragte ich meine Vermieterin um Rat. Diese gab mir zunaechst homoeophatische Medikamente. Diese verschafften auch Linderung, kurierten mich in diesem Falle aber nicht (obwohl sie das in der Vergangenheit regelmaessig taten).
Also liess ich mich am naechsten Tag (Sonntag natuerlich, der Krankwerde-Schluesselverlier- Wasserrohrbruch-Tag) ins Spital bringen, in dem ich gut behandelt wurde. Die einzige Krankenhauserfahrung in Indien zuvor war der Tag, an dem ich meinen Kollegen mit Verdacht auf Malaria ins Zentralkrankenhaus in Bombay brachte. Das war ein Schlachthaus! Zuerst dachte ich, die sind ja alle schwul! Dann merkte ich, dass die rosa Kittel, die sie trugen, dermassen oft mit Blut und anderen ganz besonderen Saeften durchtraenkt worden waren, das die vierzehntaegige Waesche mit kaltem Wasser nicht alles herausbrachte.
Das hiesige Krankenhaus war gut, dem Arzt reichte die Beschreibung meiner Symptome, um eine Lebensmittelvergiftung zu diagnostizieren.
Diese war mit entsprechender Medikamentation binnen weniger Tage weg. Darueber hinaus erfuhr ich, dass mein Kollege aus den Niederlanden anlaesslich des Besuchs seiner Eltern ebenfalls mit diesen dort spies und alle vom Huehnchen krank wurden. Er durfte sogar 3 Tage im Krankenhaus verbringen. Er hat wiederum Bekannte, denen dort aehnliches passiert ist.
Ihr versteht, dieses Restaurant ist fuer mich gestorben.
Es heisst Empire.
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