
Um nochmals auf die Einladung bei Thomas und Steffi zurückzukommen: die kleine Party hat enorm viel Spass gemacht. Im Prinzip nur ein get-together auf der Terasse, bei dem laute Musik, geringfügige Mengen Starkbier in Kombination mit DREI Flaschen indischem Whisky eine Rolle spielten (Donnerknispel!). Der indische Whiskey ist übrigens nicht schlecht. Vorher hatten wir uns mit Pizzahutpizza gestaerkt. Ich ass eine orginal Hawaiipizza mit Huhn drauf. Huhn, Huhn, immer Huhn! Menschenskinder, jetzt lasst doch mal diese Scheisshühner in Ruhe! Ich will Schinken, Spanferkel und Salami. Und Steaks!! Muss ja nicht mal heilig sein! So oder so ähnlich hallt es ab und zu von Magen und Zunge Richtung Großhirn.

Na ja, irgendwann morgends um 5 gingen uns die Zigaretten aus. Daraufhin splitteten Parin und ich uns ab. Auf der Strasse angekommen, hielten wir einen ca. 100 Jahre alten bunt bemalten LKW an, dessen Fahrer so nett war, uns standesgemäß beim naechsten Fünf-Sterne-Hotel vorzufahren.
Dort bestellten wir für immens viel Geld iced tea (1,50 Euro!), um unsere Bestellung um mehrere Packungen Zigaretten aufzustocken. Solchermassen bevorratet fuhren wir zurück zu den anderen.

Dort angekommen, wurden die verbleibenden Spirituosen gemäss Beipackzettel verabreicht, wonach wir uns gegen 9 Uhr morgens berufen fühlten, den Heimweg anzutreten.
Thomas und ParinIch teilte meinem Rikschafahrer das Ziel mit, stieg auch ungefähr dort aus, und verbrachte die nächsten 20 Minuten damit, den genauen Weg zu meinem Domizil zu erfragen. Jeder meiner Gesprächspartner fing an, breit zu grinsen. Vermutlich, weil erstmalig meine englische Aussprache der Ihren glich.
Am Sonntag fuhren wir gegen Mittag nach Mamallapuram, dem nächsten schönen Strand, an dem man baden kann. Dieser ist ca. 50 km entfernt.
Ich bin übrigens der rechts von dem dicken Typ!Dort stiegen wir im Ideal Beach Resort ab, entrichteten Kurtaxe, und liessen es uns gut gehen.
Ein Kellner kommt dort vorbei und bringt Handtücher, Stühle sowie Essen und Trinken.
Jedenfall hat er das vor.
In Indien, jedenfalls in diesem Teil, sprechen die meisten Menschen in dienender Funktion nur radebrechend englisch. Auch haben sie niemals eine Ausbildung bekommen. Dazu kommt, dass die meisten Inder einfacher Herkunft ein bisschen Angst vor Weissen haben. Ausserdem sind sie ein bisschen dusselig. Aber lieb.
So sie sind zwar freundlich und geben sich bemüht, aber kann man sich bei ihnen in Geduld und Hartnäckigkeit ueben.
Wenn ich also eine Bestellung aufgebe, sagen wir, über zwei Mal Pommes Frites, ein lime soda, aber nicht zu sauer, und zwei Kaffee. Ach so und bitte Milch in den Kaffee. Ob er mir bitte auch noch einen Stuhl und einen Aschenbecher bringen könnte, dann habe ich einen grossen Fehler gemacht:
zunächst einmal ist die Frage fehl am Platze, ob er dies oder jenes könne. Auf jede solche Frage wird er, seitlich den Kopf wiegend, mit ja antworten, weil er mich nicht enttäuschen möchte. Die zusätzlichen Informationen wie Milch im Kaffee überschreiben das Basisprogramm. Das lime soda kann ich also genauso vergessen wie er vor mir. Das hat was mit Arbeitsspeicher zu tun. Wenn ich, was mir leider immer noch passiert, dabei zu schnell spreche oder überflüssigerweise ganze Sätze bilde, schreibt er, aufmerksam zuhörend, in grossen Krakelbuchstaben "Hilfe!" auf sein Kellnerblöckchen.
Hier bitte ich, mir einen kurzen Einschub zu gestatten:Ich moechte nicht den Eindruck erwecken, dass sich hier der feine Kolonialherr
Mr. Lass-sich-den-Arsch-nachtragen beim dritten Whiskey zum Lunch ueber die Dämlichkeit seiner Eingeborenen-Schranzen amüsiert.
Ich bilde lediglich ab, was ich hier täglich erfahre. Auesserdem liegt der Fehler in oben genannter Situation bei mir. Er ist kein Kellner, er ging nur kurz zur Schule, er versteht mich nur schlecht.
Also eine taugliche Bestellung wäre (dead serious):
"Hey boss! Wanakam!Two coffeeah, hah, Milkah, hah?! One Lime soda, hah?! Two french fries, hah?!
Repeat order, hah?! Nandi!"
Das nachgestellte "hah" in diesem Quasi-Pidgin ist wie ein deutsches ' nicht wahr?, gell ?, ok?' zu werten. Die Bestellung lässt man wiederholen, weil man sichergehen will, das alles klar ist, aber eigentlich nur, damit man hinterher weiss, was nicht gekommen ist und nachbestellt werden muss. Hey, that's India! Wer sich über so etwas echauffiert, und das tun einige, ist hier schlicht fehl am Platze. "Wanakam"heisst in etwa "Gruess di, Franzl!" und "Nandi" heisst "Danke" auf Tamil.

An diesem Strand also hingen wir den lieben langen Sonntag ab, spielten mit Feuereifer Beachball, und liessen uns von den traumhaften Wellen über den Sand schleifen.
An den Rändern des Strandes - dieser ist mit Kokosnüssen optisch abgesteckt - stehen Fischersfrauen und deren Kinder, die riesige Muscheln, Seepferdchen und grosse Baumwolldecken verkaufen. Den Strand betreten dürfen sie nicht. Dafuer sorgt ein Wachleut mit Stock; letzterer kommt natürlich nicht zum Einsatz. Erstens, weil die Frauen den Strand nicht betreten (bis auf ein sehr goldiges kleines Mädchen, dass Narrenfreiheit geniesst und ab und zu mit einem Seepferdchen winkend die Gäste angrinst).
Zweitens, weil der Wachmann vermutlich mit einer der Frauen verheiratet und Vater der Goldigen ist. That's India.
Zum Ende des Badetages habe ich ihnen eine Baumwolldecke abgekauft (als ich nach Hause kam und diesen Schatz begutachtete, konnte ich mir einen gewissen mitleidig-selbstkritischen Seufzer nicht verkneifen).
Diese Menschen sind sehr freundlich und können sich im Rahmen ihrer Verkaufstätigkeit auf englisch, deutsch und französich verständigen.
Ein indischer Geschaeftsmann würde sich jedoch nach meiner bisherigen Kenntnis im Leben nicht mit Ihnen unterhalten.
Es sind Unberührbare. Diese je nach Standpunkt "dalit" (Unterdrückte, Ausgebeutete) , "harijan" (Kinder Gottes oder eigentlich "Vishnu-geborene", Wortschöpfung von Mahatma Ghandi) oder "scheduled classes" (Amtsbegriff für Sonderkasten) genannten Menschen werden zwar von der Regierung gefördert (so haben z.B. Unis eine hohe Pflichtquote solcher unterprivilegierter Menschen), sozial leben sie aber soweit von den anderen entfernt wie nur möglich.
Die Menschen am Strand haben dabei besonderes Pech gehabt. Sie leben seit Urzeiten vom Fischfang.
Urspruenglich war das Vegetariertum nicht Bestandteil des hinduistischen Glaubens. Als diese Schonung jeglichen Lebens aber Kernbestandteil des Glaubens wurde, sah sich der Berufsstand des Fischers gewisser Kritik ausgesetzt.
Sie fischen ja nicht fürs Aquarium.
Ursprünglich waren Sie also ein nützlicher Bestandteil der Gesellschaft, zack, schon guckt man Sie an wie Finanzbeamte oder Politessen.
Das Leben ist kein Ponyhof!
Danach waren wir im Ort Mamallapuram, wo Touristen hingehen. Und wir. Wenn wir Hunger haben. Oder sonst so.
Jedenfalls liegt das nahe am Strand und man kann nach harter Strandarbeit prima dort essen gehen. Dort gibt es auch Fleisch ohne Hühnchen! Ich bestellte einen Teller fritierte Prawns in einer Knoblauch-& Zitronensauce und ein fresh beef steak als Nachtisch. Begeistert war ich nicht, aber ab und zu freut man sich über ein bisschen "normalen" Geschmack.
Laut Aussage eines Inders besteht der Unterschied in den beiden Küchen darin, dass in Europa Gewürze das Grundprodukt (Fleisch, Gemüse)betonen sollen, und in Indien das Grundprodukt eher als Trägersubstanz fuer ein orgiastisches Gewürzvergnügen gilt.
Montag brachte neben fünf weiteren Seiten Computerzaubersprüche nicht viel Neues. Am Dienstag wurde Johannes verabschiedet.
Von links nach rechts: Johannes, Olaf, Parin (cooler IT-Inder+netter Kerl) , Panna (Parins Mutter, aus Bombay fuer 1-2 Monate zu Besuch!), Pallavi (Parins Tante, auch aus Bombay), Ansgar, Unterfertigter.Seine Aufgabe als mein Obiwan Kenobi war erfüllt. Ab jetzt sollte ich meine Rolle als Yedi selbständig erfüllen. Auf sein Bitten blieben wir (Olaf und ich) bis zur Ankunft seines Taxis um 4 wach. Da ich -sowieso schon hundemüde- am nächsten Tag "in der Firma" erwartet wurde, schlug Johannes vor, dass in absentia meiner Mutter er einen Entschuldigungsbrief an den Chef schreiben koenne 'a la mein Yedischüler kann heute nicht vor Mittag zum Unterricht kommen, weil er mit mir auf dem Dach Bier pressen musste. Da er versicherte, dies sei kein Problem, beschloss ich, ruhig einmal vertrauensselig zu sein.
Einen anderen Vorschlag, mit dem Argument eines Magen/Darm-Problems den ganzen Tag blau zu machen, wies ich von mir. Nicht mein Stil. Ehrlich währt am längsten!
Also mal unter Freunden: der saubere Herr Ehrlich hatte am nächsten Morgen ja sowatt von den flotten Ranjid zu Besuch!!
Zwischen den Fieberschüben und nach Einnahme diverser Medikamente rollte ich mich in eine Rik und war um kurz nach zwölf im Buero. Dort tat ich eine Weile Gutes und verholte mich sodann wieder nach Hause, wo ich einen wohlverdienten freien Abend sowie etwas Nahrung einschob.
Kurzer Ausblick: Deevali ist das größte Fest der Hindus, in der Wertigkeit vergleichbar mit Weihnachten. Dabei wird gleichzeitig das Jahr ausgeläutet. Zu diesem Anlass bringt der Durchschnittsinder im Kreise seiner Familie etwa 200 kg Schwarzpulver in mehr oder weniger grossen Chargen zur Explosion.
Ausserdem im nächsten Heft: "Der Todesstern im Funktelefon!"

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