Am Freitag war eine kleine Delegation des Deutschen Bundestages zu Gast bei der Deutsch- Indischen Handelskammer. Die Abgeordnete Marina Schuster (FDP) und der Abgeordnete Erich G. Fritz (CDU), Mitglieder des Unterausschusses für Globalisierung und Aussenwirtschaft, statteten Indien einen achttägigen Besuch ab. Die Entourage bestand lediglich aus einer Organisationsmitarbeiterin des Ausschusses und einer Übersetzerin. Ursprünglich sollten es sechs Abgeordnete sein, zwei hatten früh abgesagt, die restlichen zwei hatten sich anscheinend in Deutschland eine Magenverstimmung geholt. Das war sehr schlau von Ihnen: mit einem derart schwachen Immunsystem wären sie bei Verlassen des Flughafens Madras nach dem ersten Atemzug tot umgefallen. Mit Schwund ist zu rechnen.
Zwei Tage verbrachte die Delegation in Chennai, dem viertwichtigsten Wirtschaftsstandort Indiens. Dabei begleitete uns der Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Chennai, Herr Johann Heinz Kopp.
Unser erster Tagesordnungspunkt war der Besuch beim IIT Madras, dem Indian Institute of Technology.
Dort wurden wir von der Universitätsleitung, Rektor, Dekane etc. begrüßt und über die indische Universitätslandschaft informiert. Besonders interessant war die Tatsache, daß alle IIT-Standorte jeweils ein Partnerland haben: USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und für Madras eben Deutschland.
Mit Ausnahme des IIT Madras, das in den Anfängen stark von Deutschland unterstützt wurde, mittlerweile aber wohl auf akademischer Augenhöhe steht, haben alle anderen Partnerländer wohl nur versucht, die jeweiligen Institute für sich zu nutzen und mittlerweile das Interesse verloren.
Daher treten ständig Professoren bzw. ganze Institute der anderen IIT-Standorte an IIT Madras heran, um bittebitte deren enge und fruchtbare Kontakte nach Deutschland in Anspruch zu nehmen.
Unsere Art, mit langem Atem und in freundschaftlicher Weise Unterstützung zu gewähren, wurde und wird hier ungemein positiv aufgenommen und nicht vergessen.
Die Inder sind in Fragen solchen Umgangs miteinander sehr feinfühlig. Insbesondere die Vereinigten Staaten werden zwar für Leistung und Lebensgefühl bewundert (leider oft ohne diese wirklich zu kennen), aber auch als gegenüber anderen Ländern rücksichtslos und eigennützig gefürchtet. Es bleibt zu vermerken, daß unser Land in Indien einen ausgezeichneten Ruf genießt. Leider wird das wenig genutzt. So würden die IIT´s sich über mehr deutsche Studenten freuen, die in Indien an den teilweise herausragenden Lehrstühlen lernten.
Etwas besorgniserregend war die Aussage des Rektors, die Software-Branche sei zwar sehr erfolgreich und imageträchtig: sie sei aber ebenfalls beschäftigungsarm, krisenanfällig und schnelllebig. Indien werde sich daher bemühen, eher im Ingenieursbereich und in der Manufaktur zuzulegen. Da dies Kernbereiche deutschen Wohlstands sind, dürfen wir da nicht ins Hintertreffen geraten.
Das mag sich zwar ganz besonders oberschlau anhören.
Wenn ich jedoch sehe, wie sich in Indien 350 Millionen ausreichend bis hervorragend gebildete junge Menschen erst anschicken, die Welt umzukrempeln und der bisherige enorme Wirtschaftszuwachs ein reiner Vorgeschmack war, würde ich mir wünschen, daß die deutsche Wirtschaft und Politik diesen Prozeß nicht verschläft, um unsere freundliche doch profitable Teilnahme daran zu sichern (grins, reib die Hände).
Zweiter Tagesordnungspunkt unserer Gäste war der Besuch bei einer Schuhfabrik, in der Timberlands, Florsheim u.a. Marken hergestellt werden.
Dieser Besuch begann mit Besichtigung der Produktionsstraßen, an denen fast ausschließlich junge Frauen sitzen. Nicht aus dem Grund, daß diese billiger wären. Vielmehr waren ursprünglich die meisten Angestellten Männer. Es stellte sich aber heraus, daß Frauen sorgfältiger arbeiten und generell weniger Schwierigkeiten machen. Hoert, hoert!
Im anschließenden Vortrag des Leiters freute ich mich, zu hören, daß diese Frauen erstaunlich gut versorgt werden: sie bekommen bezahlten Mutterschaftsurlaub (bei und nach Schwangerschaft natuerlich!), eine Altersversorgung sowie eine Krankenversicherung, was in diesem Land alles andere als selbstverständlich ist.
Danach besuchten wir Sysl Systems, eine indische IT-Tochter von Siemens. Deren Auftragslage, Kundenstruktur und Zukunftsvision waren beachtlich. Dennoch war ich ein bißchen enttäuscht, daß sich die Präsentation als weichgespültes BWL´er Gewäsch herausstellte. Es dürfte aber auch schwierig sein, vor solchem Laienpublikum eine Software-Firma plastisch anschaulich darzustellen.
Jedenfalls wurden wir mit einem sehr guten Lunch entschädigt.
Als nächstes nahmen wir eine Fabrik für Bremsbeläge in Augenschein. Ich weiß jetzt alles über Bremsbeläge, was ich wissen wollte. Das ist aber auch soo spannend, daß ich Euch nichts vorwegnehmen möchte. Kommt vorbei, schaut´s Euch an, es wird Euch umhauen.
Letzter Tagesordnungspunkt war die Software-Firma Hexaware, die in der IT-Landschaft ebenfalls enorm wichtig ist und sehr schnell wächst. Auch dieser Besuch war etwas zäh, da wir bereits seit über 8 Stunden im Sprinttempo unterwegs waren.
Sehr amüsant war jedoch, daß ein wichtiger Teilnehmer (ich war´s nicht) einschlief, WÄHREND er sich mit dem neben ihm sitzenden Mitglied der Geschäftsleitung von Hexaware unterhielt.
Abschließend läßt sich sagen, daß dieser Teil der Tätigkeit als Parlamentarier sicherlich nicht jedermann Sache ist. Ich fand den Tag über große Strecken interessant. Besonders die Bremsbeläge.
Solchermaßen geschlaucht ließ ich mich dennoch nicht davon abhalten, abends mit Johannes, Olaf, Ansgar, Thomas, Steffi und Parin in die Discothek eines five-star-hotels zu gehen. Leider gibt es hier außerhalb von diesen "5-Sterne"-Hotels keinerlei Bars, Kneipen oder Discos (das hättest Du mir ruhig sagen können, Felbert II !).
Das war ein ganz cooler Laden, in dem sich die Angestellten gegenseitig über den Haufen rennen, um dem (weißen) Gast Wünsche zu erfüllen.
Etwas befremdet war ich aber doch (außer von der Tatsache, daß hier wirklich an jeder Ecke, in jedem schmiedeeisernen Zaun und auf nahezu jeder Geschenkverpackung Swastikas, d.h. umgekehrte Hakenkreuze sind. Diese sind aber hier so positiv und harmlos, wie bei uns ein Kleeblatt; sie haben auch eine ähnliche Bedeutung):
im unteren Bereich und damit in der eigentlichen Disco dürfen sich nur Weiße, indische Frauen und indische Paare aufhalten, letztere beiden eigentlich auch nur, wenn sie dort bekannt sind.
Indische Singlemänner haben eine Rundum-Empore, durch ein Netz abgespannt, von der sie genau betrachten dürfen, wie man Spaß haben kann.
Das ist jedoch keine Erfindung der Weißen, sondern der indischen Manager.
Die indische Gesellschaft kann getrost als asexuell bezeichnet werden. Wenn sich hier ein verheiratates Paar auf der Straße umarmt, ist das bereits anstößig. Ein offener Kuß wäre skandalös und unsittlich.
Nahezu alle indischen Frauen wissen bis zu Ihrer Heirat, bzw. der darauffolgenden fünfminutigen Hochzeitsnacht gar nichts über Sex. Danach vermutlich auch nicht, aber irgendwas ist ja immer!
Entwicklungshilfe in diesem Bereich ist ebenfalls nicht erwünscht, Lars!
Ein indischer Mann ist also mit partytauglich angezogenen Mädels hormonell völlig überfordert.
Da westliche Frauen (die möglicherweise schon mal Sex hatten!!!) ein absolutes Lustobjekt sind (Sitte und Anstand müssen denen ja zwangsläufig fehlen), ist es im härteren Norden Indiens und besonders in Delhi für eine weiße Frau nicht ratsam, irgendwohin alleine hinzugehen. Es ist dort bereits viele Male zu sexuellen Übergriffen gekommen.
Hier im Süden sind die Menschen zwar viel friedlicher, aber eine Segregation wie oben beschrieben ist wohl nicht zu verhindern.
Übrigens gilt dieses züchtige Verhalten nicht für die kleine Oberschicht: deren Söhne gamsen den Babes genauso hinterher wie in Deutschland.
Diesbezüglich wird hier ein krasses Feudalverhalten an den Tag gelegt.
Am darauffolgenden Samstag fand das bereits beschriebene Fußballspielspiel statt, danach fuhren wir noch in ein großes Shoppingcenter und abends wieder in dieselbe Disse.
Den Sonntag habe ich weitestgehend auf der Dachterasse verchillt.
Die darauffolgende Woche war von harter Arbeit geprägt:
von Dienstag letzter bis Montag dieser Woche durften wir von fruh bis spat ein umfangreiches Software-Vertragsangebot übersetzen. Obwohl ich weiß, daß die Übersetzung gut ist
(makellos wäre unbescheiden), habe ich bis dato keine Ahnung, worum es darin im speziellen geht. Das hat uns fast 7 Manntage gekostet.
Am Mittwoch abend dieser Arbeitswoche waren wir beim GBG, der German Business Group.
Diese besteht aus deutschen und indischen Unternehmern und Firmenmitarbeitern und soll Kommunikation und Verständnis untereinander verbessern.
Interessanterweise war der hauptsächliche Gesprächspunkt, daß sich die Organisatoren über die mangelnde Präsenz der Mitglieder beschwerten, die sich im Gegenzuge über die mangelnde Stringenz und Zielstrebigkeit der Organisatoren beschwerten.
Als das meeting zu Ende war, wollte ich eigentlich ins Schifferzimmer gehen, um nach dem CC ein paar Bierchen zu trinken.
Im Prinzip hätte man die Situation in den Niemannsweg beamen können.
Am Donnerstag ging ich nicht weit weg von meinem Appartment zu einem indischen Nobelfriseur. Dort wollte ich mir einen zackigen trockenen Schnitt für 70 Rupien verpassen lassen, und ließ das den Ladenschwengel auch wissen. Dieser entpuppte sich jedoch als ein strammer Barbiergeselle von gut und gerne 14 Jahren. Nachdem er den Schnitt angefangen hatte, bemerkte er irgendwann "Suhjuwannsumloshunginzadandruff?" "Dandruff?" quackte ich indigniert (dandruff,engl=Schuppen). Nein, noch nicht, meinte Vital Sessuhn, aber ich hätte trockene Kopfhaut, und man könne ja nie wissen. Na gut, dachte ich, soll er mir da ruhig was für 20, 30 Rupien in die Haare schmieren. Schließlich hat er zu Hause seine neunjährige Ehefrau zu versorgen und dann noch die ganzen Kinder! Kurze Zeit später kam er zurück und schlug in einer irdenen Schale flockigweißen Schaum mit der Hand zu noch flockigerer Schaumigkeit. Dieser sehr angenehm kühle und reichhaltige Schaum wurde mir dann ca 20 Minuten in den Skalp einmassiert. Ein Traum in Schaum, ich wäre fast eingeschlafen. Anschließend wurde ich noch 20 Minuten unter eine Dampfhaube gesteckt, die die Revitalisierung meiner zahlreichen verbliebenen Haarwurzeln fortsetzte. Dann wurden mir fachkundig die Haare gewaschen. Zuletzt wurde das ganze noch trockenmassiert.
Es stellte sich heraus, daß diese Behandlung für indische Verhältnisse doch recht kostspielig ist. An Stelle von 70 Rs. wurden 404 Rs. verlangt. Da ich ich sehr zufrieden war, gab ich ihm 450 Rs. Mittlerweile habe ich ausgerechnet, daß von diesem Geld gegenüber von meinem Büro eine 18-köpfige Familie all-you-can-eat (= satt!) das Tagesgericht essen kann. Jetzt muß sie hungern. Aber ich habe die Kopfhaut eines Kullerpfirsichs!
Am Samstag schimmelten wir nur auf der Terasse herum, um abends zu Thomas und Steffi zu gehen, wo wir tüchtig dem indischen Whisky zusprechen wollten. Vorher waren wir noch kurz auf dem Praktikantentreffen des Max-Müller-Bhavan (Goethe-Institut).
Das Problem war, und an der systematischen Stellung dieses Punkt könnt Ihr sehen, daß ich ihn fast verdrängt hätte: VON MITTWOCH 17 UHR BIS SONNTAG EINSCHLIEßLICH GAB ES IN GANZ TAMIL NADU KEINEN ALKOHOL ZU KAUFEN! NIRGENDS!
Da man im Rahmen der hiesigen Kommunalwahlen gewalttätige Auseinandersetzungen für möglich hielt (mit dem Indizienbeweis, daß die sich hier jedesmal verwämsen.
Das wird von bezahlten Parteischlägern angezettelt), wurde in einem Gebiet von nahezu exakt der Größe Englands fmit einer Bevoelkerung von ca. 70 Millionen für fünf Tage die Prohibition ausgerufen. Fuenf Tage!!!
Das wurde uns übrigens am Mittwoch um 18 Uhr im Büro von einem Dienstboten gesteckt (Ihr erinnert Euch: 17 Uhr war Feierabend, also danke für gar nichts!)
Wir mußten also sofort eine Flüsterkneipe oder einen Schwarzbrenner respektive -verticker auftun, wenn wir nicht eines schrecklichen Todes sterben wollten. Das dauerte fünf Minuten. Als wir den "Mitarbeiter" ausfragten und ein bißchen auf unseren Unmut ob dieser Versorgungsschwierigkeiten hinwiesen, rief er bald einen Freund in Pondicherry an, einer Enklave, die ca. 140 km entfernt ist, und von der Zentralregierung verwaltet wird.
Am nächsten Abend saßen wir auf der Dachterasse auf einem Umzugskarton voll Bier.
Schööön!
(Ich muss daran denken, fuer derart ungeplante Fastenzeiten irgendwo einen Kasten zu bunkern, wo ihn meine Maeuse nicht austrinken koennen. Schluerf, kicher!)
Zwei Tage verbrachte die Delegation in Chennai, dem viertwichtigsten Wirtschaftsstandort Indiens. Dabei begleitete uns der Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Chennai, Herr Johann Heinz Kopp.
Unser erster Tagesordnungspunkt war der Besuch beim IIT Madras, dem Indian Institute of Technology.
Dort wurden wir von der Universitätsleitung, Rektor, Dekane etc. begrüßt und über die indische Universitätslandschaft informiert. Besonders interessant war die Tatsache, daß alle IIT-Standorte jeweils ein Partnerland haben: USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und für Madras eben Deutschland.
Mit Ausnahme des IIT Madras, das in den Anfängen stark von Deutschland unterstützt wurde, mittlerweile aber wohl auf akademischer Augenhöhe steht, haben alle anderen Partnerländer wohl nur versucht, die jeweiligen Institute für sich zu nutzen und mittlerweile das Interesse verloren.
Daher treten ständig Professoren bzw. ganze Institute der anderen IIT-Standorte an IIT Madras heran, um bittebitte deren enge und fruchtbare Kontakte nach Deutschland in Anspruch zu nehmen.
Unsere Art, mit langem Atem und in freundschaftlicher Weise Unterstützung zu gewähren, wurde und wird hier ungemein positiv aufgenommen und nicht vergessen.
Die Inder sind in Fragen solchen Umgangs miteinander sehr feinfühlig. Insbesondere die Vereinigten Staaten werden zwar für Leistung und Lebensgefühl bewundert (leider oft ohne diese wirklich zu kennen), aber auch als gegenüber anderen Ländern rücksichtslos und eigennützig gefürchtet. Es bleibt zu vermerken, daß unser Land in Indien einen ausgezeichneten Ruf genießt. Leider wird das wenig genutzt. So würden die IIT´s sich über mehr deutsche Studenten freuen, die in Indien an den teilweise herausragenden Lehrstühlen lernten.
Etwas besorgniserregend war die Aussage des Rektors, die Software-Branche sei zwar sehr erfolgreich und imageträchtig: sie sei aber ebenfalls beschäftigungsarm, krisenanfällig und schnelllebig. Indien werde sich daher bemühen, eher im Ingenieursbereich und in der Manufaktur zuzulegen. Da dies Kernbereiche deutschen Wohlstands sind, dürfen wir da nicht ins Hintertreffen geraten.
Das mag sich zwar ganz besonders oberschlau anhören.
Wenn ich jedoch sehe, wie sich in Indien 350 Millionen ausreichend bis hervorragend gebildete junge Menschen erst anschicken, die Welt umzukrempeln und der bisherige enorme Wirtschaftszuwachs ein reiner Vorgeschmack war, würde ich mir wünschen, daß die deutsche Wirtschaft und Politik diesen Prozeß nicht verschläft, um unsere freundliche doch profitable Teilnahme daran zu sichern (grins, reib die Hände).
Zweiter Tagesordnungspunkt unserer Gäste war der Besuch bei einer Schuhfabrik, in der Timberlands, Florsheim u.a. Marken hergestellt werden.
Dieser Besuch begann mit Besichtigung der Produktionsstraßen, an denen fast ausschließlich junge Frauen sitzen. Nicht aus dem Grund, daß diese billiger wären. Vielmehr waren ursprünglich die meisten Angestellten Männer. Es stellte sich aber heraus, daß Frauen sorgfältiger arbeiten und generell weniger Schwierigkeiten machen. Hoert, hoert!
Im anschließenden Vortrag des Leiters freute ich mich, zu hören, daß diese Frauen erstaunlich gut versorgt werden: sie bekommen bezahlten Mutterschaftsurlaub (bei und nach Schwangerschaft natuerlich!), eine Altersversorgung sowie eine Krankenversicherung, was in diesem Land alles andere als selbstverständlich ist.
Danach besuchten wir Sysl Systems, eine indische IT-Tochter von Siemens. Deren Auftragslage, Kundenstruktur und Zukunftsvision waren beachtlich. Dennoch war ich ein bißchen enttäuscht, daß sich die Präsentation als weichgespültes BWL´er Gewäsch herausstellte. Es dürfte aber auch schwierig sein, vor solchem Laienpublikum eine Software-Firma plastisch anschaulich darzustellen.
Jedenfalls wurden wir mit einem sehr guten Lunch entschädigt.
Als nächstes nahmen wir eine Fabrik für Bremsbeläge in Augenschein. Ich weiß jetzt alles über Bremsbeläge, was ich wissen wollte. Das ist aber auch soo spannend, daß ich Euch nichts vorwegnehmen möchte. Kommt vorbei, schaut´s Euch an, es wird Euch umhauen.
Letzter Tagesordnungspunkt war die Software-Firma Hexaware, die in der IT-Landschaft ebenfalls enorm wichtig ist und sehr schnell wächst. Auch dieser Besuch war etwas zäh, da wir bereits seit über 8 Stunden im Sprinttempo unterwegs waren.
Sehr amüsant war jedoch, daß ein wichtiger Teilnehmer (ich war´s nicht) einschlief, WÄHREND er sich mit dem neben ihm sitzenden Mitglied der Geschäftsleitung von Hexaware unterhielt.
Abschließend läßt sich sagen, daß dieser Teil der Tätigkeit als Parlamentarier sicherlich nicht jedermann Sache ist. Ich fand den Tag über große Strecken interessant. Besonders die Bremsbeläge.
Solchermaßen geschlaucht ließ ich mich dennoch nicht davon abhalten, abends mit Johannes, Olaf, Ansgar, Thomas, Steffi und Parin in die Discothek eines five-star-hotels zu gehen. Leider gibt es hier außerhalb von diesen "5-Sterne"-Hotels keinerlei Bars, Kneipen oder Discos (das hättest Du mir ruhig sagen können, Felbert II !).
Das war ein ganz cooler Laden, in dem sich die Angestellten gegenseitig über den Haufen rennen, um dem (weißen) Gast Wünsche zu erfüllen.
Etwas befremdet war ich aber doch (außer von der Tatsache, daß hier wirklich an jeder Ecke, in jedem schmiedeeisernen Zaun und auf nahezu jeder Geschenkverpackung Swastikas, d.h. umgekehrte Hakenkreuze sind. Diese sind aber hier so positiv und harmlos, wie bei uns ein Kleeblatt; sie haben auch eine ähnliche Bedeutung):
im unteren Bereich und damit in der eigentlichen Disco dürfen sich nur Weiße, indische Frauen und indische Paare aufhalten, letztere beiden eigentlich auch nur, wenn sie dort bekannt sind.
Indische Singlemänner haben eine Rundum-Empore, durch ein Netz abgespannt, von der sie genau betrachten dürfen, wie man Spaß haben kann.
Das ist jedoch keine Erfindung der Weißen, sondern der indischen Manager.
Die indische Gesellschaft kann getrost als asexuell bezeichnet werden. Wenn sich hier ein verheiratates Paar auf der Straße umarmt, ist das bereits anstößig. Ein offener Kuß wäre skandalös und unsittlich.
Nahezu alle indischen Frauen wissen bis zu Ihrer Heirat, bzw. der darauffolgenden fünfminutigen Hochzeitsnacht gar nichts über Sex. Danach vermutlich auch nicht, aber irgendwas ist ja immer!
Entwicklungshilfe in diesem Bereich ist ebenfalls nicht erwünscht, Lars!
Ein indischer Mann ist also mit partytauglich angezogenen Mädels hormonell völlig überfordert.
Da westliche Frauen (die möglicherweise schon mal Sex hatten!!!) ein absolutes Lustobjekt sind (Sitte und Anstand müssen denen ja zwangsläufig fehlen), ist es im härteren Norden Indiens und besonders in Delhi für eine weiße Frau nicht ratsam, irgendwohin alleine hinzugehen. Es ist dort bereits viele Male zu sexuellen Übergriffen gekommen.
Hier im Süden sind die Menschen zwar viel friedlicher, aber eine Segregation wie oben beschrieben ist wohl nicht zu verhindern.
Übrigens gilt dieses züchtige Verhalten nicht für die kleine Oberschicht: deren Söhne gamsen den Babes genauso hinterher wie in Deutschland.
Diesbezüglich wird hier ein krasses Feudalverhalten an den Tag gelegt.
Am darauffolgenden Samstag fand das bereits beschriebene Fußballspielspiel statt, danach fuhren wir noch in ein großes Shoppingcenter und abends wieder in dieselbe Disse.
Den Sonntag habe ich weitestgehend auf der Dachterasse verchillt.
Die darauffolgende Woche war von harter Arbeit geprägt:
von Dienstag letzter bis Montag dieser Woche durften wir von fruh bis spat ein umfangreiches Software-Vertragsangebot übersetzen. Obwohl ich weiß, daß die Übersetzung gut ist
(makellos wäre unbescheiden), habe ich bis dato keine Ahnung, worum es darin im speziellen geht. Das hat uns fast 7 Manntage gekostet.
Am Mittwoch abend dieser Arbeitswoche waren wir beim GBG, der German Business Group.
Diese besteht aus deutschen und indischen Unternehmern und Firmenmitarbeitern und soll Kommunikation und Verständnis untereinander verbessern.
Interessanterweise war der hauptsächliche Gesprächspunkt, daß sich die Organisatoren über die mangelnde Präsenz der Mitglieder beschwerten, die sich im Gegenzuge über die mangelnde Stringenz und Zielstrebigkeit der Organisatoren beschwerten.
Als das meeting zu Ende war, wollte ich eigentlich ins Schifferzimmer gehen, um nach dem CC ein paar Bierchen zu trinken.
Im Prinzip hätte man die Situation in den Niemannsweg beamen können.
Am Donnerstag ging ich nicht weit weg von meinem Appartment zu einem indischen Nobelfriseur. Dort wollte ich mir einen zackigen trockenen Schnitt für 70 Rupien verpassen lassen, und ließ das den Ladenschwengel auch wissen. Dieser entpuppte sich jedoch als ein strammer Barbiergeselle von gut und gerne 14 Jahren. Nachdem er den Schnitt angefangen hatte, bemerkte er irgendwann "Suhjuwannsumloshunginzadandruff?" "Dandruff?" quackte ich indigniert (dandruff,engl=Schuppen). Nein, noch nicht, meinte Vital Sessuhn, aber ich hätte trockene Kopfhaut, und man könne ja nie wissen. Na gut, dachte ich, soll er mir da ruhig was für 20, 30 Rupien in die Haare schmieren. Schließlich hat er zu Hause seine neunjährige Ehefrau zu versorgen und dann noch die ganzen Kinder! Kurze Zeit später kam er zurück und schlug in einer irdenen Schale flockigweißen Schaum mit der Hand zu noch flockigerer Schaumigkeit. Dieser sehr angenehm kühle und reichhaltige Schaum wurde mir dann ca 20 Minuten in den Skalp einmassiert. Ein Traum in Schaum, ich wäre fast eingeschlafen. Anschließend wurde ich noch 20 Minuten unter eine Dampfhaube gesteckt, die die Revitalisierung meiner zahlreichen verbliebenen Haarwurzeln fortsetzte. Dann wurden mir fachkundig die Haare gewaschen. Zuletzt wurde das ganze noch trockenmassiert.
Es stellte sich heraus, daß diese Behandlung für indische Verhältnisse doch recht kostspielig ist. An Stelle von 70 Rs. wurden 404 Rs. verlangt. Da ich ich sehr zufrieden war, gab ich ihm 450 Rs. Mittlerweile habe ich ausgerechnet, daß von diesem Geld gegenüber von meinem Büro eine 18-köpfige Familie all-you-can-eat (= satt!) das Tagesgericht essen kann. Jetzt muß sie hungern. Aber ich habe die Kopfhaut eines Kullerpfirsichs!
Am Samstag schimmelten wir nur auf der Terasse herum, um abends zu Thomas und Steffi zu gehen, wo wir tüchtig dem indischen Whisky zusprechen wollten. Vorher waren wir noch kurz auf dem Praktikantentreffen des Max-Müller-Bhavan (Goethe-Institut).
Das Problem war, und an der systematischen Stellung dieses Punkt könnt Ihr sehen, daß ich ihn fast verdrängt hätte: VON MITTWOCH 17 UHR BIS SONNTAG EINSCHLIEßLICH GAB ES IN GANZ TAMIL NADU KEINEN ALKOHOL ZU KAUFEN! NIRGENDS!
Da man im Rahmen der hiesigen Kommunalwahlen gewalttätige Auseinandersetzungen für möglich hielt (mit dem Indizienbeweis, daß die sich hier jedesmal verwämsen.
Das wird von bezahlten Parteischlägern angezettelt), wurde in einem Gebiet von nahezu exakt der Größe Englands fmit einer Bevoelkerung von ca. 70 Millionen für fünf Tage die Prohibition ausgerufen. Fuenf Tage!!!
Das wurde uns übrigens am Mittwoch um 18 Uhr im Büro von einem Dienstboten gesteckt (Ihr erinnert Euch: 17 Uhr war Feierabend, also danke für gar nichts!)
Wir mußten also sofort eine Flüsterkneipe oder einen Schwarzbrenner respektive -verticker auftun, wenn wir nicht eines schrecklichen Todes sterben wollten. Das dauerte fünf Minuten. Als wir den "Mitarbeiter" ausfragten und ein bißchen auf unseren Unmut ob dieser Versorgungsschwierigkeiten hinwiesen, rief er bald einen Freund in Pondicherry an, einer Enklave, die ca. 140 km entfernt ist, und von der Zentralregierung verwaltet wird.
Am nächsten Abend saßen wir auf der Dachterasse auf einem Umzugskarton voll Bier.
Schööön!
(Ich muss daran denken, fuer derart ungeplante Fastenzeiten irgendwo einen Kasten zu bunkern, wo ihn meine Maeuse nicht austrinken koennen. Schluerf, kicher!)

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